Sehr geehrter Herr Naidoo,

Ihr Song „Marionetten“ hat in den vergangenen Wochen für einiges Aufsehen gesorgt, bis hin zu persönlichen Anfeindungen, denen Sie ausgesetzt waren und noch immer sind. Die Reaktionen, die Sie hervorgerufen haben, lösen bei mir größere Empörung aus als der Songtext an sich.

Ihre Verse sind für mich von der Kunst- und Meinungsfreiheit in Deutschland gedeckt und bewegen sich aus diesem Grund im Rahmen dessen, was wir in einer offenen und pluralistischen Gesellschaft aushalten müssen.
Die Meinungen Anderer müssen wir diskutieren, nicht stigmatisieren. Immerhin scheint eine solche Diskussion in Gang zu kommen, wenn ich beispielsweise an die Äußerungen von Michael Mittermeier denke, der weniger Ihren Song, aber doch Sie persönlich gegen die teils völlig überzogenen Anfeindungen in Schutz nimmt.
Ihr Song erscheint mir, und Sie mögen mir den vielleicht etwas antiquierten Ausdruck nachsehen, in gewisser Hinsicht in der Tradition des klassischen Protestliedes zu stehen. Nach meinem Verständnis dient ein Protestlied dazu, gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, eine Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Fragen zu provozieren bzw. Menschen zu sensibilisieren oder auch zu mobilisieren.
Aus diesem Grund darf es selbstverständlich zu- und sogar überspitzen, genauso wie es als künstlerisch überformte Äußerung auch mehrdeutig sein kann.

Mehrdeutig ist Ihr Text auf jeden Fall. Und das führt mich zum Kern des Problems: In nahezu allen Kommentaren und Kritiken Ihres Songs werden Ihnen scheinbar eindeutige Aussagen unterstellt. Ihre Textzeilen werden frei interpretiert und das, was Sie selbst als „eine zugespitzte Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Strömungen“ bezeichnet haben und was für mich offen gestanden gar keine erkennbare Botschaft hat, erhält durch Dritte eine Eindeutigkeit, die so gar nicht gegeben ist.

Ich erinnere mich noch gut an meine Anfänge als Wiesbadener Stadtverordneter: Im Jahre 1998 rückte der mittlerweile verstorbene Kabarettist Dieter Hildebrandt das Handeln der Wiesbadener Ausländerbehörde bei der Abschiebung einer kurdischen Familie in die Nähe des Nationalsozialismus.

In seiner kabarettistischen Fernsehsendung „Scheibenwischer“ hatte er die Frage gestellt, ob die Mitarbeiter der Behörde „vielleicht noch nachträglich in die SS eintreten“ wollen. Wir haben seinerzeit Anzeige wegen dieser Äußerungen erstattet. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren jedoch eingestellt unter Verweis auf die Kunstfreiheit.

Oder denken Sie an manch einen politisch aufgeladenen Song, wie etwa das Stück „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ der Band „Ton Steine Scherben“, die eine eindeutige Botschaft vermitteln und mittlerweile als nicht nur feuilletonistisch akzeptierte Ikone des bundesdeutschen Politrocks vergangener Jahrzehnte gelten.

Diese Diskrepanz in der öffentlichen Diskussion zwischen der harschen Verurteilung Ihrer an den meisten Stellen wenig konkreten Collage von Stimmungen und Wahrnehmungen und der Akzeptanz eindeutig beleidigender, gegen einzelne Menschen gerichteter oder zu Straftaten aufrufender Aussagen ist für mich der eigentliche Skandal.

Ich habe den Eindruck, dass bei der Beurteilung dessen, was als auch künstlerisch wertvolle Meinung gilt, oft mit zweierlei Maß gemessen wird. Wichtiger als eine Botschaft scheint in der öffentlichen Wahrnehmung mitunter zu sein, wer diese Botschaft sendet. Danach bemisst sich, ob eine Meinung oder Aussage als Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs akzeptiert wird oder nicht.

Ich erlaube mir, eine Kopie dieses Briefes an Sie zu veröffentlichen, da auch dies für mich Teil der öffentlichen Meinungsbildung ist und gehört werden sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Bernhard Lorenz
Fraktionsvorsitzender

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